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Di 06.03.12
20 h
Bern, Le Cap (Französische Kirche), Nicolas Manuel-Saal, Predigergasse 3
Marlène Schnieper Nakba – die offene Wunde
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Vortrag von Shraga Elam
4.7.2002, Berlin
Viele fragen sich, wie es im israelisch-palästinensischen Konflikt weiter gehen wird. Ich will nicht Prophet spielen, denn laut der jüdischen Tradition wurde die Prophethie - nach der Zerstörung des ersten Tempels - den Idioten übergeben.

Um mich davor zu bewahren, idiotisch zu wirken, stütze ich mich bei der Herstellung einer Prognose oder der möglichen Szenarios - wie das Weissagen wissenschaftlich heisst - auf eine Quelle, die sich bis jetzt leider als sehr zuverlässig erwiesen hat. Trotzdem merke ich, dass meine Berufskollegen, die Journalisten und Redaktoren, nicht so gerne Platz für diese Information zur Verfügung stellen. Unweigerlich kommt mir dann die Geschichte vom Bauern in den Sinn, der das erste Mal in seinem Leben einen Zoo besuchte. Als er eine Giraffe sah, blieb er lange kopfschüttelnd vor dem Gehege stehen. Am Schluss sagte er: "Ein solches Tier gibt es nicht."

Ein Art giraffisches Dasein stellen die Richtlinien der israelischen Armee für die Aktionen gegen die PalästinenserInnen dar. Es handelt sich um einen Plan namens Dornenfeld, welcher schon 1996 entworfen wurde und ab Oktober 2000 durch den sehr renommierten US-Experten Anthony Cordesman der Öffentlichkeit per Internet zur Verfügung gestellt wurde.

Obwohl mittlerweile viele der Massnahmen, die in der Operation Dornenefeld erwähnt sind, schon verwirklicht wurden oder dabei sind, umgesetzt zu werden, weigern sich die 'Bauern', die die Felder der Medienlandschaften bearbeiten, diese Giraffe zu berücksichtigen.

Das war nicht immer so. 1997 schrieb der 'Jerusalem Report' folgendes über die Operation "Dornenfeld":
»Sie ist das Szenario für ein Blutbad. Israelische Panzer rollen in palästinensische Städte und sind mit Jugendlichen konfrontiert, die mit Steinen, Molotow-Cocktails und Gewehren bewaffnet sind. Israelische Soldaten und die palästinensische Polizei bekriegen sich im Häuserkampf; israelische Kampfhubschrauber greifen haargenau strategische palästinensische Ziele an. Die Opfer sind immens.«(Peter Hirschberg: Kriegsspiele, Jerusalem Report, 4.9.1997)

Kommt Ihnen diese Schilderung aus dem Jahr 1997 nicht bekannt vor? Doch, bestimmt: Denn vor einigen Wochen wurde doch Ähnliches über das Jeniner Flüchtlingslager berichtet.

Es muss beigefügt werden, dass die Opferzahl im Rahmen der Operation Dornenfeld bislang viel niedriger ausfiel, als ursprünglich kalkuliert. Denn die israelischen Planer rechneten mit einer sehr grosse Anzahl Toten auf beiden Seiten: 10'000 palästinensische und mehrere Hundert unter den israelischen Soldaten.
Dass die Leichenberge bislang nicht so hoch sind, wie sie auf israelischer Seite in Kauf genommen würden, ist jedoch kein Grund zur Entwarnung. Denn wir müssen leider den Rest des Massnahmenkatalogs von Dornenfeld (s.a. weiter unten) konsultieren.
Darin ist u.a. zu lesen:

- Vorübergehender Rückzug israelischer Siedler aus exponierten und wenig geschützten Siedlungen
- Verhaftung der Führung der palästinensischen Autonomiebehörde und Einsetzen einer neuer Militärverwaltung

Diese zwei Massnahmen werden jetzt durchgeführt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Arafat und sein Verwaltungsapparat ganz beseitigt werden.

Wie aber geht es danach weiter? Dazu sieht der Plan Dornenfeld folgendes vor: ß Gewaltsame Evakuierungen von PalästinenserInnen aus "empfindlichen" Gebieten" Ende Zitat. Die "empfindlichen" Gebiete sind bestimmt keine präzise Formulierung. Es sei daran erinnert, dass Sharon zum Beispiel 1982 als damaliger Verteidigungsminister seine Regierung und die US-Administration vor der Libanon-Invasion belog und ankündigte, die israelische Armee würde lediglich 40 Kilometer ins benachbarte Land eindringen. Seine Truppen schickte er in Wahrheit ins viel weiter entfernte Beirut. Insofern könnte also, wie auch andere israelische Exempel zeigen, das gesamte Palästina als "empfindliches Gebiet" interpretiert werden.

Auch andere Hinweise deuten darauf, dass das höchswahrscheinliche Szenario die Massenvertreibung der palästinensischen Bevölkerung ist. Diese Deportation wird in Israel euphemistisch als "Transfer" bezeichnet.
Der israelische Militärexperte Martin van Creveld spielte in Der Welt vom 26.4. 2002 ein bisschen phantasievoll mit den möglichen Vorgängen, die zur Massenvertreibung führen könnten. Die Perspektive solcher ethnischer Säuberungen sind auch für ihn sehr realistisch. Ein Vorhaben, welches im Rahmen des vorgesehenen US-Angriffs gegen den Irak vollzogen werden könnte.

Über den Deportationshergang schreibt van Creveld:
»Für die Vertreibung der Palästinenser braucht man nur einige Brigaden. Sie werden die Menschen nicht einzeln aus ihren Häusern schleppen, sondern schwere Artillerie einsetzen, damit sie von selbst weglaufen. Dschenin wird im Vergleich zu dieser Zerstörung wie ein Nadelstich aussehen.«

Im Moment mobilisiert Israel mehr Truppen. Und mit seiner Rede gab Präsident Bush Israel schon grünes Licht für die weitere Eskalation in Richtung vollständige ethnische Säuberung.

Es ist eine reichlich belegte Analyse, dass die israelische Militärjunta diese Ziele von langer Hand anstrebt und die verzweifelten und zweifelhaften palästinensischen Aktionen, wie Selbstmordattentate, als Vorwand benutzt, um eine immer höhere Gewaltstufe zu erreichen.

Währenddem sich die Lage im Nahen Osten konstant zuspitzt, wird die potentielle Opposition im Ausland neutralisiert - wenn sich diese nicht schon vorher selbst totgelaufen hat. Als Beispiel dafür kann die Bundesrepublik dienen.

Der Parlamentarier Jamal Karsli protestierte zu Recht gegen die unmenschliche israelische Politik und bezeichnete das Vorgehen, palästinensische Gefangene zu numerieren, als Verwendung von Nazi-Methoden.
Es scheint, als ob jüdische Funktionäre wie Michel Friedman und Paul Spiegel auf eine solche Chance, wie die Aussage Karslis, nur gewartet hätten. Sie spielten danach eine zentrale Rolle bei einer gut orchestrierten Hetzkampagne. Dem Abgeordneten Karsli wurde die schlimmsten Sorte von Judenhass vorgeworfen, eine die an die Nazi-Zeit erinnere. Durch diesen ungeheuerlichen und unbegründeten Vorwurf wurden nicht nur Jamal Karsli verunglimpft, sondern auch gleichzeitig die deutsche Friedensbewegung und die Medien eingeschüchtert. Damit gelang Israel und der zionistischen Lobby ein wichtiger Sieg im Kampf um die öffentliche Meinung.

Was kümmerte es dann die deutschen Medien, dass die gleichen Assoziationen wie Karsli auch zwei israelische Prominente pflegten: Der Knessetabgeordnete und Shoa-Überlebende Yosef (Tomy) Lapid und die grosse Dame der israelischen Musik, die 'Sängerin der Kriege', Yaffa Yarkoni. So sagte Yarkoni in einem Interview im israelischen Militärradio: »Wir haben den Holocaust durchgemacht. Wie können wir nur solche Dinge tun?«

(Galatz, April 14, 2002). Befragt von der Zeitung Ha'aretz, was sie denn mit »Dingen« gemeint habe, antwortete Yarkoni: »Ich meinte diese Numerierung. Es hat mich wirklich schockiert. Ist dies nicht das, was die Deutschen machten?«(Ha'aretz, May 3, 2002).

Aber was diese beiden Juden dürfen, ist einem Nichtjuden wie Karsli nicht erlaubt. »Quod licet Jovi non licet bovi« heisst es auf Lateinisch - zu Deutsch: »Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen verboten.« Dabei sollte doch eine ganz einfache Regel herrschen: Entweder sind Behauptungen wahr oder falsch, egal wer sie ausspricht. Solange in diesem Bereich rassistische Zensurregelung herrscht, solange kann eine Gesellschaft wie die deutsche ihre Vergangenheit nicht richtig aufarbeiten. Diese Tabuisierung ist per se rassistisch, da sie die Deutschen - quasi genetisch - als die ewigen Täter diffamiert und die Juden als die ewigen Opfer idealisiert.

Dass unsere Grosseltern und andere Verwandte von den Nazis umgebracht wurden, hielt leider aber eine erschreckend grosse Anzahl israelischer Soldaten verschiedener Generationen nicht davon ab, an zahlreichen Kriegsverbrechen teilzunehmen. Eine solche Tabuisierung ist ein falsches Mittel und erzeugt nur noch mehr Hass und Ressentiments. Anstatt einer offenen Diskussion, welche z.B. die Kritik Karslis sachlich prüfen soll, gibt es eine antidemokratische Hexenjagd, die an ganz schlimme Zeiten erinnert und viele anständige Menschen in eine Ecke drängt, in welche sie ganz bestimmt nicht gehören wollen.

Durch ihre nicht gerechtfertigte und verantwortungslose Machtdemonstration leisten jüdische Prominente in Deutschland einen unübersehbaren Vorschub für sehr gefährliche politische Tendenzen. Infolge der massiven Zensur in der deutschen Öffentlichkeit und den deutschen Medien sind die Rechtsradikalen leider ein Auffangbecken für das berechtigte Unbehagen geworden und bringen damit nicht nur die jüdischen Menschen, sondern die gesamte Gesellschaft in Gefahr.

Die geplante Klage Jamal Karslis gegen Michel Friedman und Paul Spiegel ist ein wichtiger Teil der Bemühungen, einen friedlichen Ausweg aus der sehr gefährlichen nahöstlichen Situation zu finden. Denn dadurch, so ist zu hoffen, könnte endlich eine effektive Friedensbewegung in Deutschland entstehen, welche die eigene Regierung zur Intervention gegen die israelischen Kriegsverbrechen zwingt und auch die Friedensbemühungen im Nahen Osten durch eine Zusammenarbeit mit den dortigen Basisorganisationen stärken würde.

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