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Di 06.03.12
20 h
Bern, Le Cap (Französische Kirche), Nicolas Manuel-Saal, Predigergasse 3
Marlène Schnieper Nakba – die offene Wunde
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Grenzland
Aus dem Innern Palästinas berichten Christian Schmidt (Text) und Kai Wiedenhöfer (Bilder)
Draussen. «Keep your license plates clean», fordert eine Tafel über der neu eröffneten A 6 auf, als wir von Tel Aviv Richtung Norden fahren. Entlang der Küste ist Israel amerikanisch modern: Die Schilder müssen sauber sein, damit die Strassenzölle elektronisch erhoben werden können. Dann verschwinden die Vorstädte und Shoppingcenter im Rückspiegel, und wir bereiten uns auf einen anderen Alltag vor. Bald wird auftauchen, was vom israelischen Verteidigungsministerium als «Saumzone», von der palästinensischen NGO Pengon als «Apartheid Wall», von der israelischen Friedensorganisation Gush Shalom als «Trennungszaun» oder, im Alltag, schlicht als Mauer bezeichnet wird, ein durchgehender Bruch in der Landschaft, im Endausbau dereinst 650 Kilometer lang, eine Grenzanlage, die das Land mit ihren Windungen würgt.



Karte der Mauer

Karte der Mauer



Aber nicht nur Cisjordanien. «Eine Million Israeli hungert!», titelte die Tageszeitung «Yediot Aharonot» im vergangenen August. Der Krieg zehrt unaufhaltsam an dem einst blühenden Land, noch nie gab es hier so viele verarmende Menschen, und so bleiben letztlich alle Bezeichnungen für das Bauwerk euphemistisch.

Dann ist die Mauer plötzlich da, ein graues Band. Aus dem Landesinnern ist sie gekommen, nun läuft sie parallel zur A 6. Dahinter liegt eine Stadt, von der nur die Dachgeschosse sichtbar sind, dicht an dicht gebaut. In der Mitte ragt das Minarett mit seiner grünen Neonbeleuchtung empor, alles andere ist hinter der acht Meter hohen Betonwand versunken. Wachttürme überragen die Zinne. Ihre Eingangstüren öffnen sich auf die Seite der Autobahn; so wird klar, was innen und aussen ist, wer gefangen ist und wer frei.

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite haben Baumaschinen Erde zu einem Hügel zusammengeschoben. Gedacht ist er für israelische Panzer. Von hier aus können sie direkt in die Stadt zielen, über Autobahn und Mauer hinweg. Nicht einmal der Verkehrsfluss muss unterbrochen werden, wenn das Palästinensergebiet beschossen wird.

Die versunkene Stadt scheint namenlos. Es gibt keine Wegweiser an der Autobahn. Angeschrieben sind einzig die israelischen Siedlungen, und nur für sie gibt es Ausfahrten. Seit Kalkilya im vergangenen Sommer von der Umwelt rundum abgeschnürt wurde, existiert der Ort für die Aussenwelt nicht mehr. Geblieben ist ein einziger Checkpoint, eine winzige Lücke, durch die sich der Waren- und Personenverkehr von 41 600 Menschen quälen muss.

Dreimal fahren wir falsch, bis wir diesen letzten Zugang finden. Der staubige Platz war jahrhundertelang ein stiller Olivenhain, weitervererbt von Generation zu Generation. Geblieben sind von diesem Erbe nur mehr zersplitterte Strünke. Bulldozer haben die Stämme umgefahren, damit sich dahinter niemand verstecken kann. Nun stehen hier inmitten von Stacheldraht ein halbes Dutzend Teenager in Uniform, die einen verzweifelnd an der unlösbaren Aufgabe, in der Menge jene Person zu finden, die sich vielleicht in die Luft sprengen könnte, die anderen lässig an Sandsäcke gelehnt, derweil sie die wartenden Fahrzeuge mit der knappen Bewegung eines einzelnen Fingers dirigieren. Wir reihen uns ein und rollen langsam auf die Mündungen der Gewehre zu.



Streit an der Mauer

Unvermeidlicher Streit: Die Mauer bei Abu Dis trennt Palästinenser aus Cisjordanien
von ihrer Heimat und schliesst sie im israelischen Teil von Jerusalem ein.



Halb zufällig, halb gewollt zeigt sich dann, wie wenig Mauern, Zäune und Kontrollen die Sicherheit zu gewährleisten vermögen. Als sich zwischen einer Gruppe Palästinenser und den Soldaten ein Streit entspinnt, nutzen wir die Unaufmerksamkeit, um unsern kleinen Opel an der Schranke vorbeizusteuern und den Checkpoint zu umfahren. Das Manöver dauert unerträglich lange. Um uns durchzulassen, müssen auf der anderen Seite die palästinensischen Lastwagen umparkieren. Die Chauffeure lächeln amüsiert. Wir sehen unter den Lastwagen hindurch die Stiefel der Grenzpolizisten. Das alles spielt sich direkt unter dem Wachtturm ab, trotzdem hält uns niemand auf, kein Warnruf, nichts.

Drinnen. Das erste Bild: Eine Eidechse springt an der Mauer empor, prallt ab und fällt zurück. Das zweite Bild: Gleich neben einem unbesetzten Wachtturm, im toten Winkel zum nächsten, hängt ein Seil herab. Es pendelt im Wind.


Apartheid Wall bei Kalkilya

Bei Kalkilya baumelt ein Seil von der Mauer; in Jayous brechen die Bewohner
ein Grenztor in 18 Sekunden auf.- Die "Apartheid Wall" verbessert die Sicherheit nur bedingt.



Die Mauer ist Kalkilyas Horizont. Wo die Bauern früher auf ihre Felder sahen, steht jetzt dieser Keil. Die Sonne geht nicht mehr unter in Kalkilya, die Mauer stiehlt sie. Stellt man sich nahe an den Beton, ist der Verkehr auf der anderen Seite zu hören, das Geräusch der Freiheit.

Ali Zaid ist Bauer. Das ehemalige Magazin, das er zusammen mit seiner Familie bewohnt, liegt keine fünf Minuten von der Mauer entfernt. Der älteste Sohn sitzt beim Interview dabei, in frischen Kleidern, der Scheitel ist nachgezogen. Ali hat von seinem Vater dreissig Dunum (etwa drei Hektaren) Land geerbt. Früher war er in zwei Minuten auf den Feldern, heute braucht er eine Stunde - sofern keine Ausgangssperre gilt. Sein Land liegt nun jenseits der Mauer. Was er mit seinen reifen Früchten tun soll, weiss Ali nicht, denn er darf mit seinem Pickup nicht durch den Checkpoint. Nach Hause nehmen kann er nur, was er zu tragen vermag. Der Rest seiner Ernte wird verfaulen, die süssen Guavas, die prallen Auberginen, die sonnenwarmen Feigen. Doch das ist nicht alles. Eines Morgens ist er gekommen, und da war sein Maisfeld zerstört. Ali fand Spuren von Schweinen. Schweine gibt es in Kalkilya, der muslimischen Stadt, nicht. Ali folgte den Spuren und sah, dass sie aus dem Osten gekommen waren. Tage später töten er und andere Bauern einige der Tiere. Aber über Nacht tauchen immer wieder neue auf. «Sie werden bewusst losgelassen. Um uns zu beleidigen. Um uns zu vertreiben.» Sie kommen aus einer Richtung, in der es nur eine Siedlung gibt: Zufin, einen illegalen israelischen Vorposten, gebaut auf 1362 Dunum annektiertem Land.

Kalkilya stirbt. Die längste Fahrt in einem der gelben Taxis dauert noch knapp fünf Minuten, dann sind die Ränder des Lebensraumes erreicht. Die Hauptstrasse ist tot. Verdorrt sind die jungen Palmen, die die Einfahrt in die Stadt schmücken sollten. Das Leben in Kalkilya dreht sich im Kreis, einen Ausgang gibt es ebenso wenig wie einen Ausweg. Beim Markt werden Mehlsäcke von Uno-Lastwagen abgeladen; der Hunger hat sich eingenistet. Der einzige lebendige Ort ist das Internetcafé, überfüllt von Männern, die im Rauch ihrer Zigaretten in das Bunt der Bildschirme starren und so nah an den Mikrofonen sitzen, als seien es die Lippen der Frauen, mit denen sie gerade chatten.

Als wir spätabends bei Humus, Auberginen und Pitas sitzen, unter einem Vollmond, dessen Licht sich in den Rebenblättern verfängt, in der Nase den Geruch überquellender Sickergruben, fallen Schüsse. Es sind ungezielte Salven über die Mauer hinweg. Sie bleiben unerwidert. Sie tönen auch nicht wie Schüsse, eher wie sinnlose Schreie aus einem Verlies.

Draussen. Das Restaurant B'sograim befindet sich in einer Villa in der jüdischen Neustadt Jerusalems, es liegt versteckt in einem Park, umstanden von alten Bäumen. Nach drei Tagen Kalkilya kann man hier bei koscherer Küche den Berichten geknechteter Menschen nachsinnen und gleichzeitig die Gegenseite beobachten: Junge Israeli treten ein und schieben ihre Sturmgewehre so beiläufig unter den Tisch, als seien es Aktentaschen oder Hunde. An der Hand führen sie ihre Freundinnen, hellhäutige Geschöpfe, welche am Tisch die Hände falten und scheu lachen. Die Welt will glücklich sein. Die Welt will gut sein.

Gibt es Grund genug für die Behauptung, Israel habe die Palästinensergebiete zum «Ghetto» gemacht, wie zum Beispiel Maa'rouf Zahran, der Bürgermeister von Kalkilya, sagt? Kann man die israelischen Juden desselben Verbrechens bezichtigen, dem ihre Vorfahren einst selbst ausgesetzt waren? Lernen Menschen nie? - Stunden zuvor hatte sich Yisrael Medad im Interview vehement gegen die Verwendung des Begriffs «Ghetto» gewehrt. Medad ist Sprecher der israelischen Siedlerbewegung, ein Mann mit Charisma, herzlichem Lachen und unversöhnlichen Ansichten. «Die Juden haben die Deutschen nicht bombardiert, und sie sprengten sich nicht selbst in die Luft. Sie waren friedfertig», sagte er in seinem Büro im siebten Stock des Jerusalemer International Conference Center. Und es sei unmöglich, den Begriff Ghetto aus seinem historischen Kontext herauszulösen: «Das darf man nicht.» Dann holte er zu einem Vergleich aus: «Es ist wie mit dem Sex. Der Vergewaltiger und der Ehemann tun zwar dasselbe, aber es bleibt ein grosser Unterschied.» Will sagen: Die Nazis vergewaltigten die Juden, während die Israeli mit den Palästinensern umgehen, wie man es in einer Ehe miteinander tut? - Darüber kann man nun nachdenken, während im Nebenraum des «B'sograim» eine Familie Geburtstag feiert, Happy Birthday, strahlende Gesichter im Kerzenschein. Er mache gerne Witze, hatte Medad angefügt.

Auch aus jüdischer Perspektive gibt es eine andere Position. Uri Avnery vertritt sie, langjähriges Knesset-Mitglied, Autor, Begründer der Friedensbewegung Gush Shalom und Träger des Alternativen Nobelpreises. Avnery bezeichnet nicht Palästina als Ghetto. Er spart sich den Ausdruck für sein eigenes Land. Israel, erklärt er, sei nichts als «ein isoliertes und befestigtes Ghetto - ein Ghetto-Staat, der sich nur hinter Mauern, Stacheldraht und Wachttürmen sicher fühlt», immer zum Krieg bereit, «abhängig von den USA» und geschnitten vom Rest der Welt. Avnery verfolgt seit 1948 die Idee der Koexistenz zweier gleichberechtigter Staaten. Jede Woche lässt er in der Tageszeitung «Haaretz» ein bezahltes Inserat einrücken, in dem er seinem Land die Meinung sagt.



Mauer beim Gazastreifen

Wo israelische Siedlungen bedroht sind, ist die Grenzanlage- wie hier im Gazastreifen- als
Mauer gebaut. Wo kein Beschuss droht, zieht sie sich als Zaun durchs Land.



Drinnen. Wir fahren erneut ins Westjordanland. Die Menschenrechtsorganisation Betselem hat den Bericht eines Schafhirten vorgelegt, der gezwungen worden sein soll, seinen Esel zu vergewaltigen. Der Mann, ein Analphabet, wollte die Herde auf die Weide führen, als israelische Grenzpolizisten ihn am Zaun abfingen. Zuerst, so das Protokoll, hätten sie ihm den Sattel des Esels aufgebunden, dann habe er, begleitet von ihrem Gelächter, wie das Tier traben müssen, und schliesslich hätten sie von ihm verlangt, dass er mit dem Tier kopuliere. Eine Überprüfung der Aussage ist unmöglich; der Wohnort des Hirten ist komplett abgesperrt.


Beim Souk von Nazlat Isa machen wir einen Zwischenhalt. Seltsam verdrehte Aluminiumstreben fingern in den Himmel, Wellblechdächer krümmen sich wie erstarrte Wogen, darunter zerbrochene Mauern, die an die Wucht eines Erdbebens gemahnen. Hier drängten sich einst Hunderte von Geschäften, Buden und Marktständen zusammen; Nazlat Isa war das Herz der Gegend. Bis die Armee kam und mitten hinein eine Schneise schlug. Die Grenzanlage muss offenbar genau hier hindurch; Gründe dafür sind nicht ersichtlich. Nun ist der Souk eine Wüste. Die Familie von Bilal Muhammed Abdel Aziz besass hier fünf Geschäfte. Heute sitzt Bilal zu Hause vor einer Voliere mit Wellensittichen und beobachtet, wie seine Beine vor Nervosität vibrieren. Doch damals, als die Bulldozer kamen, dreimal hintereinander, wehrte er sich nicht. Er rettete die Teppiche, Teller und Lampen, dann stand er am Rand und blickte ins Inferno. Tatenlos. Wie alle anderen.

Warum? Warum überlassen drei Millionen Palästinenser den Widerstand jenen wenigen unter ihnen, die nur den Wahnsinn als Antwort kennen? Warum tragen palästinensische Arbeiter mit der Kraft ihrer Muskeln immer noch dazu bei, israelische Siedlungen aus der eigenen Erde zu stampfen? Warum streiken jene palästinensischen Arbeiter nicht, die den Beton für die Mauer giessen und sich so ihr eigenes Gefängnis bauen? Und: Warum baut sogar Jamil Tarifi, der ehemalige palästinensische Minister für öffentliche Angelegenheiten, mit seiner Firma an jenen Strassen, die nur Siedlern zugänglich sind?

Abu Dis, ein Vorort von Jerusalem. Hier waren die ersten mit Betonelementen beladenen Sattelschlepper am 23. August 2002 aufgetaucht. Niemand, der diesen Tag vergessen könnte. Die Elemente wurden abgeladen und mit einem Kran hingestellt, eines neben das andere, und mit jedem neuen wurde das bisherige Leben mehr zur Vergangenheit. Inzwischen trennt eine Mauer den Vorort von der Stadt, sie zwängt sich zwischen den Häusern hervor, zieht sich als Riegel quer über die Hauptstrasse, führt vorbei an der ehemaligen Busstation, steigt auf der anderen Seite eine Anhöhe hinauf und verschwindet. Sie spaltet die Stadt wie ein Beil das Holz. 50 000 Menschen leben in Abu Dis. Seit der Schlussstein gesetzt ist, liegt der Vorort in wütender Ohnmacht.

Doch der Alltag geht weiter. Es ist 7 Uhr 30, als wir dort stehen. Das Morgenlicht taucht das Betonband in beinahe freundliches Gelb, die Menschen eilen zur Arbeit. Sie nutzen den Umstand, dass die Mauer erst provisorisch ist, nur drei Meter hoch und noch nicht acht, noch ohne Stacheldraht und Wachttürme. Sie nutzen auch, dass zu flüchtig gebaut wurde und zwischen manchen Segmenten Lücken geblieben sind. So zwängen sie sich gleich flüchtenden Häftlingen durch die Mauer: Kinder in Schuluniformen, Bauarbeiter, Frauen unterwegs in die Stadt, Männer in Anzügen. Die Kinder suchen schmale Lücken; wer beleibt ist, braucht eine breitere. Die Menschen tropfen wie Wasser aus der Wand. An einigen Stellen dienen Steinbrocken als Treppe, um hinüberzuklettern. Eine frisch gezimmerte Türe wird über die Zinne gereicht, ein Computerbildschirm, mehrere Kisten mit frischem Brot. Männer strecken ihren Frauen die Hand hin, ein Kind bittet um Hilfe. Später wird man all diese Menschen wiedererkennen, die durch die Mauer gekommen sind, irgendwo in der Stadt, an der Bushaltestelle, auf dem Markt. Ihre Mäntel tragen dieselben verwischten grauen Staubmale an Rücken und Hüften. All das geschieht ohne Hektik, und so nehmen auch wir irgendwann diesen Weg.



Schülerinnen suchen den Schulweg

Noch ist die Mauer in der Umgebung Jerusalems erst provisorisch, doch bald wird sie auch
hier acht Meter hoch sein. Sie spaltet das Land wie die Axt das Holz.



Terry Boullata ist Leiterin einer Primarschule in Abu Dis. Sie sitzt in ihrem Büro, während auf dem Hof die Kinder Lieder einüben und in die Hände klatschen. Terry beantwortet Fragen, korrigiert Prüfungen, weist eine Lehrerin an, telefoniert, unterhält sich mit einem Mädchen, das kreideweiss auf einem Stuhl sitzt, isst ihr Frühstück und versucht gleichzeitig zu verbergen, wie nahe sie den Tränen ist. Sie sagt: «Es gibt nur zwei Dinge im Leben, die blind machen. Das eine ist Liebe, das andere Hass.»

Terry geht jeden Tag durch die Mauer, am Morgen hin, am Abend zurück. Sie weiss nie, was passiert, in welcher Laune die Grenzpolizisten sind, die unten an der Busstation stehen. Wen unter den Hunderten picken sie sich heraus? Wen nehmen sie im nächsten Hinterhof in die Mangel? Wann verwenden sie Tränengas, wann schiessen sie scharf, wann mit Knallgranaten? Zwei Tage ist es her, da war es Terry, die ein Grenzpolizist zu sich rief. Als er die Überprüfung ihrer Identitätskarte hinauszögerte, sagte sie: «Du kennst mich. Ich bin die Leiterin der Primarschule. Du hast mich schon dreimal kontrolliert!» Ein Streit entstand, eskalierte, bis der Grenzpolizist Terry an die Mauer befahl, als sei sie eine Terroristin. Terry sagte: «Du kannst mich auch gleich erschiessen!» Ging los, zwängte sich durch den nächsten Spalt und war weg. So was, sagt Terry, sei ihr egal. Das ist Alltag. Es ist ihr auch egal, dass sie die goldene Kuppel des Felsendoms künftig nur noch aus der Ferne sehen wird, und sie will sogar vergessen, dass ihr Familienname seit 2000 Jahren in Jerusalem nachgewiesen ist. Das alles ist nichts. Aber wehe, wenn ihren beiden Töchtern etwas geschähe, diesen Kindern, die wie sie durch die Mauer gehen, die kurz vor die Haustüre treten und beide Hände mit Patronenhülsen gefüllt haben, wenn sie wieder hereinkommen. Nichts liebe sie mehr als ihre Mädchen. «Wehe . . .», sagt Terry. Dann würde sie aufhören zu denken.

Draussen. Mit Maschiach Nezach, dem Direktor des «Saumzonen-Projekts» beim Verteidigungsministerium, hätte ein persönliches Interview stattfinden sollen, in diesem unnahbaren Betonturm am Rande der Stadtautobahn von Tel Aviv. Doch Nezach wollte nicht empfangen, und auch das Telefongespräch kam erst nach manch vergeblichen Versuchen zustande. In die Wartezeit war jeweils Musik eingeblendet worden. Es war Musik, zu der man eigentlich mitsummen möchte: Sheryl Crow, The Cranberries, Oasis - verwirrend, denselben Geschmack zu haben wie das militärische Oberkommando eines Landes, dessen Regierung den Menschen zweier Völker zur Verzweiflung bringt und offenbar nicht bedenkt, dass weit grössere Staaten und Gebilde, welche in der Vergangenheit Mauern bauten, untergegangen sind: das chinesische Kaiserreich, die Römer und ihr Limes, der Warschaupakt und mit ihm der Eiserne Vorhang.

Nezach unterbrach nach dem ersten halben Satz: «It's not a wall.» Okay, sprechen wir von einem Zaun. «It's not a fence.» Was dann? «It is an obstacle.» Eine weitere Definition: Die Grenzanlage ist nur noch ein «Hindernis». Ist das ein Eingeständnis? Hindernisse lassen sich überwinden. Kann die behauptete Sicherheit also nicht garantiert werden? Nezach ging darüber hinweg. «Um Härtefälle zu vermeiden, haben wir die Linienführung des Hindernisses verändert.» In wie vielen Fällen? «In etwa zehn, zwölf.» Die Grenzanlage ist zurzeit 200 Kilometer lang. Können Sie einen Fall nennen? «Weil ein bestimmter Baum für einen Bauern sehr wichtig war, haben wir die Pläne geändert.» Insgesamt wurden bis heute über hunderttausend Bäume ausgerissen und gemäss palästinensischen Angaben auf dem israelischen Schwarzmarkt teilweise wieder verkauft. Was haben Sie sonst noch getan? Nezach verweist auf die Website. Hier heisst es, Israel habe «mehrere tausend Irisknollen» ausgegraben und andernorts wieder eingepflanzt. Die Grenzanlage verkrüppelt ein Land und macht ein Volk von drei Millionen Menschen zu Gefangenen. - Das Gespräch endete mit einer Diskussion über die Zahl der Opfer seit Beginn der zweiten Intifada. Den Hinweis, dass auf palästinensischer Seite bisher dreimal mehr Menschen umgebracht worden sind, kommentierte Nezach kurz und bündig. Er sagte: «So what?»



 illegale Siedlung Har Homa

Um völkerrechtlich illegale Siedlungen wie Har Homa zu schützen, folgt die Grenze nicht der Green Line von 1949, sondern dringt bis zu zwanzig Kilometer tief in palästinensisches Gebiet ein.



Drinnen. Auch ins palästinensische Bauerndorf Jayous gelangen wir auf Wegen, welche die israelische Armee eigentlich gesperrt hat: Ein Erdwall, verstärkt mit Betonblöcken, macht die Strasse unpassierbar. Doch kurz vor Jayous zeigt roter Staub auf dem Asphalt an, wo der Schleichweg ins Gelände führt. Wir folgen Reifenspuren über steinige Hänge und treiben den Opel durch ausgetrocknete Wadis. In den Olivenhainen sind palästinensische Frauen und Kinder an der Arbeit. Sie rennen davon, als sie unsern Wagen sehen. Die gelben Nummernschilder stehen für Israel.



Grenzanlage

Die Grenzanlage kostet Israel 2 Millionen Dollar pro Kilometer. Im Endausbau wird
sie ein Milliardenprojekt. Die Regierung Sharon kürzt dafür die Sozialausgaben.


Jayous thront auf einem Hügel, eine Traube kleiner Häuser, die sich an den Felsen schmiegt. Abdul-latif Khaled, als Hydrologe für die palästinensische NGO Pengon tätig und in Jayous aufgewachsen, tischt mit Kardamom gewürzten Kaffee auf. Er harre hier aus, sagt er, was immer auch kommen werde. Er sagt es hinaus in die Stille, die über dem flachen Land in der Tiefe liegt. Die Grenzanlage hat dem Dorf zwei Drittel seines Landes und sechs der wichtigsten Brunnen geraubt. Von vier Zufahrten sind drei gesperrt. Am Horizont, knappe fünfzehn Kilometer entfernt, glänzt das Mittelmeer, daran anschliessend der Küstensaum, dicht bewohnt und industrialisiert, heute israelisches Land. Irgendwo dort liegt ein zweites Dorf namens Jayous. «Es war unser Sommerdorf», sagt Abdul-latif. «Die Menschen von Jayous zogen in den heissen Monaten dorthin.» Dann begannen die Kriege, und die Palästinenser verloren Land, dann begann der Bau der israelischen Siedlungen, und die Palästinenser verloren Land. Dann begann der Bau der Mauer, und nun ist Jayous von Jayous abgeschnitten und das Meer so unerreichbar wie der Mond. Warum, fragt Abdul-latif manchmal seinen Sohn, warum können wir nicht mehr ans Meer? «Weil die Israeli alle Fische wollen», sagt darauf der Sohn.

Anderntags soll in Jayous die Olivenernte beginnen, unten in der Ebene und jenseits des Zauns. Dass es zu einer Konfrontation kommen wird, zeichnet sich schon jetzt ab, denn die Soldaten haben die Bauern nicht mehr auf ihr Land gelassen, seit sich eine Woche zuvor in Haifa eine junge Frau in die Luft gesprengt hat. Wie die Israeli schnell herausfanden, war die Frau bei Jenin durch ein Tor im Zaun gekommen. Niemand hatte sie kontrolliert. Nun wartet ein ganzes Volk, bis die verhängte Kollektivstrafe aufgehoben wird.

In der Morgendämmerung windet sich eine Schlange aus Menschen, mit Körben beladenen Eseln und Traktoren vom Dorf hinunter zum Zaun. Staub hüllt die seltsame Prozession ein, niemand spricht. Als die Soldaten auf ihrer Patrouillenfahrt zwar am Tor anhalten, dieses aber nicht öffnen, werden sie von den Bauern durch den Zaun hindurch angeschrien. Die Soldaten zucken mit den Schultern, einer äfft das Bitten und Betteln der Frauen nach, dann steigen sie ein und fahren weiter. Kaum sind sie verschwunden, beginnen die Bauern an den Flügeln des Tores zu rütteln. Sie geraten in Schwingung, immer stärker, bis die Schweissnähte reissen. Nach 28 Sekunden ist der Weg auf die andere Seite offen. Als die Soldaten eine Viertelstunde später zurückkommen, sind alle Bauern längst auf ihren Feldern. Offizier Adam, ein Mann ohne Nachnamen, schwenkt ein Blatt Papier und erklärt das Gebiet zur militärischen Sperrzone, was ihm das Recht gibt, alle zu verhaften, die sich hier aufhalten. Danach schliesst er die Flügel und versucht das Vorhängeschloss wieder anzubringen. Doch die Halterung ist defekt. Adam diskutiert mit den Kollegen, es gibt keine Lösung, und so fahren sie davon. Das Tor bleibt unverschlossen.



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